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Wie viele Menschen starben in Brandenburg wirklich durch Rechtsextreme? Forscher wollen das nun klären

Maz vom 12.03.2013

Neonazi-Morde: 23 ungeklärte Aktenzeichen

POTSDAM – Belaid Baylal wollte nur ein Bier trinken am Abend des 8. Mai 1993. Doch dann wurde der Marokkaner in einer Kneipe in Belzig (Potsdam-Mittelmark) von zwei Rechtsextremen erst angepöbelt, dann verprügelt. Mit einem lebensbedrohlichen Riss im Dünndarm kam Baylal ins Krankenhaus. Von seiner Verletzung erholte er sich nie. Im November 2000 starb er mit 42 Jahren an den Spätfolgen der rassistischen Attacke.

Neun Todesopfer rechtsextremistischer Gewalttaten zählt die offizielle Statistik in Brandenburg. Der Fall Baylal zählt nicht dazu. Doch das könnte sich bald ändern. Forscher des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums beleuchten im Auftrag des Innenministeriums, ob die Opferstatistik nicht um 23 weitere Fälle erweitert werden muss. Grundlage ist eine inoffizielle Liste mit bis zu 32 Brandenburger Todesopfern von Neonazis, die von Journalisten und dem Verein „Opferperspektive“ zusammengestellt wurde. Es sind vor allem Taten aus den 90er Jahren.

In keinem anderen Bundesland sei die Differenz zwischen offizieller und inoffizieller Statistik so groß, räumte Innenminister Dietmar Woidke (SPD) gestern bei der Vorstellung des Projekts ein, das von seinem Haus mit 250 000 Euro finanziert wird.

Es gehe nicht darum, die unabhängige Justiz infrage zu stellen, erklärte Julius Schoeps, Direktor des Mendelssohn-Zentrums. Vielmehr sollten Rückschlüsse für die Zukunft gezogen werden. Einig sind die Forscher und der Innenminister bereits jetzt, dass einige Delikte heute in der offiziellen Polizeistatistik als politisch motivierte Tat auftauchen würden. Das liegt daran, dass sich die Kriterien für solche Taten im Jahr 2001 geändert haben.

Nun wollen die Forscher Akten wälzen, aber auch Zeugen befragen. Womöglich würden auch Gespräche mit den Tätern geführt, erklärte Projektleiter Gideon Botsch. Doch deren Aussagen seien natürlich mit Vorsicht zu genießen.

Botsch spricht von einer großen Herausforderung. Und er weiß, dass er nicht alle Taten aufklären kann. „Es bleiben auch Fälle übrig, über die wir am Ende nichts sagen können.“ Dies gelte gerade für die Delikte aus den frühen 90er Jahren.

1993 etwa wurde der junge Deutsch-Ägypter Jeff Dominiak, der 1983 in dem Defa-Film „Bockshorn“ von Frank Beyer einen jungen Tramper gespielt hatte, bei Waldeck (Dahme-Spreewald) von einem betrunkenen Skinhead totgefahren. Der 17-jährige Täter wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Bis heute ist unklar, ob er sein Opfer wegen dessen Herkunft absichtlich überfahren hat.