Schröders fremder Sohn weckt die deutsche Provinz

ND vom 24.10.1998

Die Odyssee des Ghanesen Martin Agyare ist in Beizig noch nicht zu Ende, aber in der brandenburgischen Kleinstadt hat man immerhin begonnen, sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu bekennen.

Bis dahin waren die Schröders eigentlich nicht besonders auf­gefallen. Sie ist Altenpflegerin. arbeitet in einem Heim mit Schwerstbehinderten in Beizig im brandenburgischen Kreis Potsdam-Mittelmark. Er ist Kraftfahrer, mal mit einem Gelegenheitsjob. mal arbeitslos. Für beide ist es die zweite Ehe. In die Petra Schröder zwei Kinder mitbrachte. Als das erste, ein Mädchen, geboren wur­de, war gerade der Schlager »Pretty Be­linda« In aller Ohr; also heißt die heute 18-jährige Tochter Belinda. Auch der ein Jahr jüngere Sohn Pascal erhielt einen Namen, hinter dem sich vielleicht heim­liche Sehnsüchte nach der großen weiten Welt verbergen.

Die Schröders wuchsen in der DDR auf. Sie stammt aus aem katholischen Eichsfeld und ging doch zur Jugendweihe, Sie fand den Beruf einer Krankenschwester schön und wurde Laborassistentin – weil der Vater für die Tochter das Beste wollte: einen saueren Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeit wenig Stress. Sie setzte aus, als die Kinder klein waren. Als diese in die Schule kamen, fing sie wieder an. nun doch im Pflegeheim. Der schwere Job ret­tete sie über die Wendewirren; heute ver­dient vor allem Petra Schröder das Geld der Familie.

Dabei hatte Ralf Schröder sogar ein Fachschulstudium gemacht, das aber in der neuen Bundesrepublik nicht aner­kannt wurde. In der DDR war er zuletzt Fuhrparkleiter. heute schlägt er sich recht und schlecht durch. Es ist nicht leicht für ihn, nur »für ein Taschengeld zu arbeiten und nicht für den ehelichen Zugewinn«.

Bis vor kurzem wohnten Schröders in zwei und zwei halben Zimmern. 69 Qua­dratmeter groß, in einer Beiziger Plat­tenbausiedlung. Nichts ist auffällig an ih­nen, nichr die Möbel, nicht die Kleidung, nicht die Nippes in der Schrankwand, nicht die Trockenblumen an den Wänden. Eine Familie wie Millionen andere im Land, nicht übermäßig glücklich, aber es lässt sich aushalten. Sie störten keinen und wurden nicht gestört. So hätte es bleiben können, und niemand hätte das den Schröders übel genommen. Ganz in Gegenteil.

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Aber eines Tages lasen sie in der Zeitung, dass sechs junge Leute – vermutlich Skins, aber Genaues weiß man nicht, denn sie sind bis heute nicht gefunden – in der Berliner S-Bahn einen Afrikaner be­schimpften, auf ihn einschlugen und -sta­chen und schließlich aus dem fahrenden Zug warfen. Schwerverletzt wurde Mar­tin Agyare In der Nähe von Hohen Neu­endorf gefunden. Er hatte einen Schä­delbruch und Stichverletzungen; ihm mussten der linke Unterschenkel und zwei Zehen des rechten Fußes amputiert wer­den. Das lasen Schröders – wie Tausende andere auch. Sie hatten Ähnliches schon häufig gelesen, denn Überfälle auf Aus­länder waren In Brandenburg und an­derswo 1994 schon lange keine Selten­heit mehr. Viele mögen erschrocken sein ob der Brutalität dieser Tat, mögen den Kopf geschüttelt haben – um dann doch nur hilflos die Schultern zu zucken, mit jenem entlastendem Gedanken von Hun­derttausenden im Hinterkopf: Einer allein kann ja doch nichts machen.

Schröders entschlossen sich, Martin Agyare im Krankenhaus zu besuchen. Sie brauchten drei Tage, um zu erfahren, wo er lag, noch länger, um die Geneh­migung dafür zu erhalten. Dann standen sie an seinem Krankenbett. »Da lag ein Fleischklumpen. total zusammengerollt«, erinnert sich Frau Schröder, »mit Augen wie ein Mensch ohne Seele.« Martin war eingeschüchtert und verängstigt. Er be­griff nicht, was die vielen Menschen woll­ten, die ihn plötzlich besuchten. In der S-Bahn waren 15 Augenzeugen gewesen, von denen ihm keiner geholfen hatte, kei­ner sich später bei der Polizei meldete. Jetzt aber saßen wildfremde Leute auf seinem Bettrand und bemitleideten ihn, einige auch sich selbst. Wollten sie ihm helfen – oder sich? Als Schröders beim Gehen fragten, ob sie wiederkommen dürften, nickte er dennoch, Er war allein in einem fremden Land.

Martin Agyare war 1992 aus Ghana geflohen, weil er Flugblätter gegen den Militärmachthaber Rawlings verfasst und verteilt hatte, sich oppositionell betätigte. Gleichwohl wurde sein Asylantrag zwei­mal abgelehnt; ihm drohte die Abschie­bung – auch jetzt noch, mit seiner schwe­ren Verletzung. Als er nach fast zwei Mo­naten Im Dezember 1994 das Kranken­haus verlassen konnte, kam er erst bei einem Freund, dann bei einer Bekannten unter. Sie konnten ihm, der erst wieder gehen lernen musste, der auch psycholo­gische Betreuung brauchte, kaum helfen. Da war für Schröders klar, dass sie sich nicht einfach verabschieden konnten. Sie hatten Martin an jedem Wochenende be­sucht, schon war er für sie wie ein Sohn, ein Bruder, Und er hoffte auf sie. Die – anders als die meisten – immer wieder­gekommen waren. »Wir konnten doch nicht zusehen«, sagt Petra Schröder, »wie er wieder auf die Straße gesetzt wird oder sich mit seiner Prothese im Ausländer­heim durchschlagen muss.«

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Die Probleme in der kleinen Wohnung lösten sie schnell: Belinda gab ihr Zimmer ab. zog mit ins elterliche Schlafzimmer. Man organisierte für den ganzen Tag Martins Betreuung, trainierte mit ihm stundenlang das Gehen, den Gebrauch der ungewohnten Prothese. Man wollte ihm seelische Hilfe, ein Stück Geborgen­heit geben, damit er über sich spricht und auch wieder lachen lernt. Für Schrö­ders etwas Normales, für viele ihrer Mit­bürger nicht…

Wenn Frau Schröder oder die Tochter mit Martin Agyare durch die Straßen gin­gen, bewegten sich erst die Gardinen, dann wechselte man die Straßenseite. Be­kannte sahen weg und grüßten nicht, hat­ten keine Zeit mehr für Schröders. Später überwand die »schweigende Mehrheit« ihre Sprachlosigkeit. »Ich bin wohl im falschen Film«, hieß es erst, dann deutli­cher; »Nigger!«, »Bimbo!«, »Nigger-Schröder!«, »Nigger-Hure!« Am Telefon drohte einer: »Euch bringen wir um, wir kriegen euch!«

Besonders hatten die Kinder zu leiden. Sie wurden in der Schule verhöhnt, be­spuckt, man schüttete Ihnen die Tasche aus, provozierte Prügeleien. Einige we­nige spielten sich besonders auf, aber von den anderen half ihnen kaum einer. Selbst Lehrer standen nicht selten dabei und schauten weg. Direktor Gerd Ulbrich verwies wenigstens den gewalttätigsten Rechten von der Gesamtschule. Obwohl Belinda und Pascal gute Schüler waren, wollten sie die Schule nach der achten Klasse verlassen. Viele Gespräche zu Hause machten ihnen klar, dass das eben­sowenig eine Lösung war wie die kurzzeitig erwogene »Flucht« der gesamtcn Familie zu einer Freundin am Rodensee. Dcutsche Provinz Ist nicht nur in Belzig; sie kamn überall sein.

Schröders schien in der Kleinstadt ein Leben als »Fremde« wegen ihres frem­den Sohns vorgezeichnet. Solidarität, Hil­fe erfuhren sie fast nur von anderen »Fremden«, den Bewohnern des Asylbewerberheims. vor allem bosnischen Fa­milien, und jenen, die diese betreuten. Gegen viele Widerstände organisierten sie eine Ausbildung für Martin, Sie legten sich ein dickes Fell zu, hörten weg bei den dummen Sprüchen. Sie verdrängten ihre Angst und waren doch ständig auf der Hut, denn Schutz gab es für sie in Belzig nicht. Weder Stadtverwaltung noch Parteien im Ort traten an ihre Seite. Belzig ging es um seinen Ruf als »staatlich anerkannter Kurort«, um sein Image als Touristenziel – da wollte man doch lieber alles verschweigen, was das geschönte Bild hätte verdüstern können.

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»Beharrliches Schweigen jedoch eröffnet neofaschistischen Strukturen neue Mög­lichkeiten.« Was Belzig nicht wahrhaben wollte, stand Im Mai 1997 im lokalen »Fläming-Echo« – wohl eine Art Hilferuf. Denn in dem »Leserbrief« eines »B. Bür­ger, Berlin« ging es schon gar nicht mehr um Martin Agyare. Es ging um nationa­listische Plakate. Aufkleber, anderes Propagandamaterial, das immer häufiger in Belzig auftauchte. Es ging um von Rech­ten provozierte Schlägereien in und um die Kreisstadt, das demonstrative Zeigen des Hitlergrußes beim mittelalterlichen Spektakel auf der nahen Burg Eisenhart, um das Schwenken der Hakenkreuzfahne am 20. April vor dem Jugendzentrum »Pogo« und anderes mehr. »Belzig, du hast eine Neonaziproblem, und niemand soll sagen, er hätte es nicht gewußt«, schloß der Briefschreiber.

Es dauerte dennoch weitere Monate, bis ein Echo von den angesprochenen Stadtpolitik kam. Vielleicht lag es daran. daß Belzig nun ausdrücklich im bran­denburgischen Yerfassungsschutzbericht als Scherpunkt rechtsextremistischer, gewaltbereiter Jugendcliquen genannt wurde. Und vielleicht war es auch kein Zufall, daß Bürgermeister Peter Kiep erst im Urlaub sein mußte, ehe sich sein Stell­vertreter Martin Kunze entschloß, den Stadtverordneten diesen Brief noch ein­mal vorzulesen und zu fragen; Was tun wir dagegen? Kiep hatte bis dahin alle Signale konsequent ignoriert – selbst dann noch, als er mit Rechten im »Pogo« grillte und diese dabei schon einschlägige Aufnäher auf ihren Jacken hatten.

Nun aber suchte man sich Verbündete – Carola Stabe von der Regionalen Ar­beitsstelle für Ausländerfragen (RAA), die mobile Sondereinheit der Brandenburger Polizei und alle, die in Beizig irgendwie betroffen sind: Schuldirektoren, Sport­vereine, Sozialarbeiter, Kirchen, Partei­en. Sie informierten sich zunächst bei einer ersten Zusammenkunft gegenseitig über die Situation, ein wichtiger Einstieg, wie Ordnungsamtsleiter Frank Friedrich findet. »Ich habe mir jedenfalls danach erst einmal die Sachen meines Sohnes angeguckt, ob vielleicht auch er be­stimmte Nazi-Symbole trägt, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind.«

Es folgten eine weitere Beratung und dann ein öffentliches Forum, zu dem 120 Leute kamen – Rechte und Linke. Alte und Junge, Betroffene und Neugierige. Auch Schröders waren dabei, und alle redeten sich ihren jeweiligen Frust von der Seele. Kahlköpfige Jugendliche brüll­ten immer wieder dazwischen, rülpsten und provozierten, bis einer ihnen den Rausschmiß androhte – und die Mehrheit applaudierte. Dann meldeten sie sich plötzlich brav. Auch Friedrich und ande­re begriffen nun. was die Schröders schon lange wußten: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Zum Schluß erklär­ten sich immerhin einige Leute bereit, in speziellen Arbeitskreisen tätig zu sein.

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Martin Agyare war zu diesem Zeitpunkt bereits das zweite Mal überfallen worden, im Regionalzug zwischen Wannsee und Belzig. Diesmal aber hatte er eine Gaspi­stole in der Tasche und wehrte sich. Cou­ragiertes Bahnpersonal alarmierte die Polizei. Die Täter wurden gefaßt und vor Gericht gestellt. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Auch in Belzigs »schwei­gender Mehrheit« begann sich etwas zu regen; man wollte die Stadt nicht den rechtsextremistischen Kriminellen über­lassen. Im Mai stellte sich der Arbeits­kreis Information des Forums gegen Rechtsextremismus und Gewalt auf dem Marktplatz vor, organisierte seitdem mehrere Veranstaltungen, und eröffnete im September in Belzigs Hauptstraße ein Info-Café. Gleichgesinnte gegen Rechts können das nun mit einem Anstecker de­monstrieren – einem kleinen roten Win­kel, der seither mehr als 1000mal ver­kauft wurde. »Wir sagen auch den Aus­ländern, daß sie sich an jene mit dem roten Winkel wenden können, wenn sie sich in Gefahr sehen«, erzählt Petra Schröder, die mit ihren Kindern zu den aktivsten Mitgliedern des Forums gehört Die Gesamtschule beschäftigte sich in ei­ner Projektwoche unter dem Motto »Mit­einander leben« intensiv mit der Auslän­derproblematik. Sogar eine Beschäfti-gungsinitiative soll ins Leben gerufer werden, bei der sich Jugendliche rechter wie linker Gesinnung gemeinsam um die Sanierung eines alten Hauses kümmern.

Aber der Weg ist noch weit. Zwar haben die gewalttätigen Übergriffe nachgelassen, trauen sich die Asylbewerber an Rande der Stadt schon mal, ihre Unterkünfte zu verlassen und mit Belzigern zu reden. Die Polizei reagiert schneller auf rechte Schmierereien. Aber nachts, in Schutze der Dunkelheit, lebt der Ungeist noch. Schon zwei Wochen nach Eröffnung des Info-Cafés flog ein großer Feldstein durchs Fenster. Eine Woche später wurde das andere Fenster mit Knüppeln eingeschlagen. Frank Friedrich, der auch Vorsitzender des Vereins »Info-Café« ist, musste erkennen, dass erste Erfolgserlebnisse, so wichtig sie sind, noch nicht das Ende des Kampfes bedeuten. Es ist gut, dass Martin Agyare inzwischen allein durch die Straßen geht. Wann er das auch ohne Angst und ohne Waffe tun kann, hängt weniger von ihm als von uns allen ab.