Das Klima in der Stadt gewendet

Maz vom 08.06.2013

Belziger Forum mit „Band für Mut und Verständigung“ geehrt

BERLIN – Der alte Bismarck gab praktisch seinen Segen: Unter dem monumentalen Ölgemälde des Berliner Kongresses von 1878 im Festsaal des Roten Rathauses ist gestern das Belziger Forum mit dem „Band für Mut und Verständigung“ ausgezeichnet worden.

Der Rassismus sei leider kein Randphänomen, sagte die Staatssekretärin des Berliner Arbeitssenats, Barbara Loth. „Er ist ein tief sitzendes Problem in unserer Gesellschaft.“ Sie vertrat den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der vor dem Flughafenausschuss des Abgeordnetenhauses stundenlang Rede und Antwort stehen musste.

Der Preis wurde zum 20. Mal verliehen, weswegen Bundespräsident Joachim Gauck die Schirmherrschaft übernommen hatte. Neben der Gruppe aus Bad Belzig wurden zwei Berliner Initiativen geehrt. In dem Bündnis, das den Wettbewerb auslobt, sind neben den Landesregierungen Berlin und Brandenburg Institutionen vom Roten Kreuz bis zu den Kirchen vertreten.

Das Forum Belzig wurde vor 15 Jahren als Reaktion auf den Tod des Marokkaners Belaid Baylal gegründet, der an den Folgen eines Skinhead-Angriffs gestorben war. Schon vorher hatten sich Bürger gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert. „Belzig war Mitte und Ende der 90er -Jahre in den Schlagzeilen als Hochburg für rechte Gewalt“, sagt Vereinschefin Ramona Stucki. In 15 Jahren hat sie es mit ihren knapp 30 Mitstreitern geschafft, das Klima in der Kur- und Kreisstadt zu wenden. Auch wenn es mitunter Anschläge und Vorfälle gab, zuletzt vor drei Jahren. Eine Gruppe junger Männer griff auf offener Straße eine Nigerianerin an. Unbekannte haben auch den Gedenkstein für Belaid Bayal geschändet, Bäume der Gleichheit entwendet und Scheiben des vereinseigenen Info-Cafés „Der Winkel“ eingeworfen.

Vor einigen Jahren gab es eine Debatte, ob der Verein noch aktiv sei. Entscheidend sei aber das Tagesgeschäft, so Stucki. Aktuell hat das Forum eine Veranstaltungsreihe zur Integration initiiert, ein internationales Fußballturnier ausgerichtet und eröffnet demnächst eine Ausstellung über Rassismus im Fußball. Daneben geht der aus Kamerun stammende Sozialarbeiter Jean-Marce Banoho regelmäßig in Schulen und berichtet über den Alltag in Afrika. Die Bad Belziger hätten es geschafft, viele verschiedene Leute einzubeziehen, lobte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin/Brandenburg, Doro Zinke.

INTERVIEW Jeder kann sich angstfrei bewegen
Interview mit der Leiterin des Belziger Forums – Ramona Strucki

Sie haben schon viele Preise erhalten. Können Sie diese Ehrung noch würdigen?
Ramona Stucki: Für mich ist dieser Preis etwas Besonderes, weil er zusammenfällt mit unserem 15-jährigen Jubiläum. Wir waren eine der ersten Bürgerinitiativen in Brandenburg, die aktiv wurde.

Müssen Flüchtlinge, Aussiedler oder allgemein Ausländer in Bad Belzig heute Angst haben?
Stucki: Wir haben es geschafft, dass sich heute jeder angstfrei in Bad Belzig bewegen kann. Es gibt nur noch ganz selten kleinere Pöbeleien. Das letzte war ein Übergriff 2010 auf eine Kenianerin, die heute in Bad Belzig beheimatet ist. Dieses Thema ist aber nicht ein für allemal vom Tisch.

Hatten die Vereinsmitglieder selbst mit rechter Gewalt zu tun?
Stucki: Früher gab es das öfter. Regelmäßig, wenn wir Partys gemacht haben oder Veranstaltungen, sind Rechtsgesinnte vorbeigelaufen und haben vor dem Info-Café Leute bedroht. Einmal wurde einem Mann sogar die Gaspistole an den Kopf gehalten.
Interview: Antje Schröder