Archiv für Juni 2013

Brandanschlag auf eine vietnamesische Familie in Belzig (2000)

Drei Jugendliche im Alter von 16 bis 23 Jahren verübten im Mai 2000 einen Brandanschlag auf die Wohnung einer vietnamesischen Familie. Dem Vorfall war eine Attacke mit Baseballschlägern auf den Balkon der Familie vorraus gegangen.
Hier der Beitrag aus der Sendung Kontraste.

Das Klima in der Stadt gewendet

Maz vom 08.06.2013

Belziger Forum mit „Band für Mut und Verständigung“ geehrt

BERLIN – Der alte Bismarck gab praktisch seinen Segen: Unter dem monumentalen Ölgemälde des Berliner Kongresses von 1878 im Festsaal des Roten Rathauses ist gestern das Belziger Forum mit dem „Band für Mut und Verständigung“ ausgezeichnet worden.

Der Rassismus sei leider kein Randphänomen, sagte die Staatssekretärin des Berliner Arbeitssenats, Barbara Loth. „Er ist ein tief sitzendes Problem in unserer Gesellschaft.“ Sie vertrat den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der vor dem Flughafenausschuss des Abgeordnetenhauses stundenlang Rede und Antwort stehen musste.

Der Preis wurde zum 20. Mal verliehen, weswegen Bundespräsident Joachim Gauck die Schirmherrschaft übernommen hatte. Neben der Gruppe aus Bad Belzig wurden zwei Berliner Initiativen geehrt. In dem Bündnis, das den Wettbewerb auslobt, sind neben den Landesregierungen Berlin und Brandenburg Institutionen vom Roten Kreuz bis zu den Kirchen vertreten.

Das Forum Belzig wurde vor 15 Jahren als Reaktion auf den Tod des Marokkaners Belaid Baylal gegründet, der an den Folgen eines Skinhead-Angriffs gestorben war. Schon vorher hatten sich Bürger gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert. „Belzig war Mitte und Ende der 90er -Jahre in den Schlagzeilen als Hochburg für rechte Gewalt“, sagt Vereinschefin Ramona Stucki. In 15 Jahren hat sie es mit ihren knapp 30 Mitstreitern geschafft, das Klima in der Kur- und Kreisstadt zu wenden. Auch wenn es mitunter Anschläge und Vorfälle gab, zuletzt vor drei Jahren. Eine Gruppe junger Männer griff auf offener Straße eine Nigerianerin an. Unbekannte haben auch den Gedenkstein für Belaid Bayal geschändet, Bäume der Gleichheit entwendet und Scheiben des vereinseigenen Info-Cafés „Der Winkel“ eingeworfen.

Vor einigen Jahren gab es eine Debatte, ob der Verein noch aktiv sei. Entscheidend sei aber das Tagesgeschäft, so Stucki. Aktuell hat das Forum eine Veranstaltungsreihe zur Integration initiiert, ein internationales Fußballturnier ausgerichtet und eröffnet demnächst eine Ausstellung über Rassismus im Fußball. Daneben geht der aus Kamerun stammende Sozialarbeiter Jean-Marce Banoho regelmäßig in Schulen und berichtet über den Alltag in Afrika. Die Bad Belziger hätten es geschafft, viele verschiedene Leute einzubeziehen, lobte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin/Brandenburg, Doro Zinke.

INTERVIEW Jeder kann sich angstfrei bewegen
Interview mit der Leiterin des Belziger Forums – Ramona Strucki

Sie haben schon viele Preise erhalten. Können Sie diese Ehrung noch würdigen?
Ramona Stucki: Für mich ist dieser Preis etwas Besonderes, weil er zusammenfällt mit unserem 15-jährigen Jubiläum. Wir waren eine der ersten Bürgerinitiativen in Brandenburg, die aktiv wurde.

Müssen Flüchtlinge, Aussiedler oder allgemein Ausländer in Bad Belzig heute Angst haben?
Stucki: Wir haben es geschafft, dass sich heute jeder angstfrei in Bad Belzig bewegen kann. Es gibt nur noch ganz selten kleinere Pöbeleien. Das letzte war ein Übergriff 2010 auf eine Kenianerin, die heute in Bad Belzig beheimatet ist. Dieses Thema ist aber nicht ein für allemal vom Tisch.

Hatten die Vereinsmitglieder selbst mit rechter Gewalt zu tun?
Stucki: Früher gab es das öfter. Regelmäßig, wenn wir Partys gemacht haben oder Veranstaltungen, sind Rechtsgesinnte vorbeigelaufen und haben vor dem Info-Café Leute bedroht. Einmal wurde einem Mann sogar die Gaspistole an den Kopf gehalten.
Interview: Antje Schröder

Diskussionsrunde und Party !!!

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe „Integration macht fit“ lädt das Belziger Forum/Infocafé „Der Winkel“ am 14. Juni 2013 zur Ausstellung Tatort Stadion mit anschließender Diskussion und Party. Während sich die Ausstellung neonazistischen Aktivitäten im deutschen Fußball widmet, werden in der folgenden Diskussion besonders die Geschichte und Aktionen rechtsextremer Gruppierungen in und um Bad Belzig sowie der alltägliche Umgang mit diesen im Fokus stehen.

Ausstellung ab 14:00
Die Ausstellung Tatort Stadion wurde vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) entwickelt um alltägliche Diskriminierung beim Fußball  und Aktivitäten von Neonazis im Fußball zu thematisieren. Seit 2001 wurde sie an fast zweihundert Orten gezeigt und ist bereits seit dem 5. Juni im Infocafé zu sehen.
Alle Informationen zur Ausstellung finden Sie auf: http://tatortstadion.blogsport.de/


Diskusion – 17:00

In Belzig waren seit Anfang der 1990er Jahre rechtsextremistische Gruppierungen aktiv von denen Gewalttaten und Demonstrationen ausgingen. Seitdem kam es regelmäßig zu brutalen Übergriffen und rechtsextremen Aktionen wie Vandalismus (Aufkleber im gesamten Stadtgebiet; mehrmalige Zerstörung des „Baum der Gleichheit“; Beschädigung von Gebäuden).Diskussionsgrundlage wird neben einem Rückblick sowie einer aktuellen Einschätzung rechtsextremer Aktivitäten in Belzig besonders die Wahrnehmung dieser in der Belziger Öffentlichkeit sein. Weiterhin werden die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung “Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012” durch Götz Dieckmann (Koordinator gegen Rechtsextremismus und Gewalt  der Stadt Bad Belzig ) sowie das Projekt „Bad Belzig rechtsaußen“ vorgestellt.

Party – 20:00
Abgerundet wird das Programm sowie die Veranstaltungsreihe mit einer Party inklusive Musik und einer Auswahl von afrikanischen Speisen.

Das Infocafé „Der Winkel“ freut sich auf Ihr Erscheinen und hofft auf einen informativen sowie angenehmen Abend.

Infocafé „Der Winkel“ ; Strasse der Einheit 25, 14806 Bad Belzig ; www.derwinkel.de

Etwas ausländerfeindlich

ND vom 06.06.2013

Der marokkanische Asylbewerber Belaid Baylal gilt noch immer nicht als Naziopfer

Vor 20 Jahren, am 8. Mai 1993, wurde in Belzig der marokkanische Asylbewerber Belaid Baylal von zwei rechte Skinheads in einer Gaststätte rassistisch beschimpft und zusammengeschlagen. Sein Tod sieben Jahre später war nach ärztlichem Attest eine Spätfolge der schweren inneren Verletzungen, die er dabei erlitt. Das rbb-Inforadio erinnerte jetzt an diesen Fall als einen von vielen, bei denen die Opfer rechtsextremer Gewalt nach wie vor nicht als solche anerkannt sind. Der Haupttäter wurde 1994 zu einer Bewährungsstrafe von fünf Monaten verurteilt, der Mittäter zu gemeinnütziger Arbeit und einer Geldbuße.

Inforadio interviewte auch den früheren Bürgermeister Peter Kiep (SPD). Dieser sagte, dass er erst acht Jahre später von der Tat erfahren habe, und war rückblickend empört, dass er weder von der Polizei noch von anderen Behörden Hinweise auf einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund erhalten habe. »Da kriegt man natürlich Schockzustände. Dass in meiner Stadt solche Dinge überhaupt möglich waren und wir nichts davon erfahren haben.«

Kiep selbst wusste nichts von rechtsradikaler Aggressivität in seinem Ort: »Sicher gab’s auch hier und da mal ein bisschen Gerangel von jungen Leuten untereinander und mit den angeblich Rechtsradikalen. Ich bin mit dem Wort immer etwas zurückhaltend. Das ist eine politische Gesinnung, die in dem Alter noch nicht einmal ausgereift ist.« Es habe wohl Leute gegeben, die »etwas ausländerfeindlich« waren, aber das habe er »alles immer als normal« empfunden. Man müsse sich an die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre erinnern: »Plötzlich sieht man schwarz gefärbte Menschen, die in dieser Stadt früher nicht heimisch waren. Natürlich ist man erst mal skeptisch und zurückhaltend und fragt: Was sind das für welche? Wo kommen die her? Was machen die hier? Das war gesundes Misstrauen, mehr nicht.« Leider haben die rbb-Kollegen nicht nachgefragt, was denn so »gesund« gewesen sei an diesem Misstrauen.

Peter Kiep war 18 Jahre lang Bürgermeister in Belzig, von 1990 bis 2008 – also auch zum Zeitpunkt des rassistischen Überfalls in der Gaststätte 1993. Bad Belzig hat rund 11 000 Einwohner. Das örtliche Adressverzeichnis weist 20 Gaststätten aus. Vielleicht sind einige auch nicht erfasst, vielleicht existieren manche, die es vor 20 Jahren gab, auch nicht mehr. Sollten rassistische Überfälle in den hiesigen Gaststätten nicht so außergewöhnlich gewesen sein, dass jemand, der seit seiner Geburt in dem Ort lebt und dessen »erster frei gewählter Bürgermeister« war, von dieser einen Tat acht Jahre lang nichts wusste? Man will es nicht glauben – aber dann kann man Peter Kiep eigentlich nicht glauben.

Im August 2012 wurde Kiep mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Es wurde ihm von Sozialminister Günter Baaske (SPD) mit den Worten überreicht: »Sein Handeln war von einer hohen sozialen Verantwortung sowie Elan und Tatkraft geprägt.« Vier Jahre zuvor wurde Kiep von der Landesregierung, für seinen »Einsatz für ein tolerantes Miteinander« gewürdigt. Er gilt in seiner Stadt als beliebt. Es müssen wohl viele sein, denen es »normal« und »gesund« erscheint, wenn manche »etwas ausländerfeindlich« sind. Zu viele, und wohl nicht nur in Bad Belzig und in Brandenburg.

Ausstellung – Tatort Stadion

Die Ausstellung Tatort Stadion vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) ist ab dem 05.06.2013 für drei Wochen im Infocafé „Der Winkel“ zu sehen.

Strasse der Einheit 25, 14806 Bad Belzig

2001 wurde die Ausstellung Tatort Stadion vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) entwickelt und seitdem an fast zweihundert Orten gezeigt. Die Ausstellung leistete Pionierarbeit, indem sie Diskriminierung beim Fußball thematisierte.

Seitdem hat sich viel getan. Diskriminierung wird von vielen Vereinen und Fans mittlerweile als Problem wahrgenommen und angegangen. Dennoch werden in deutschen Stadien nach wie vor allwöchentlich AusländerInnen beschimpft, antisemitische und antiziganistische Gesänge angestimmt oder Homosexuelle verunglimpft. Frauen haben es im Männersport Fußball weiterhin schwer, akzeptiert zu werden.

Die von BAFF komplett überarbeitete Ausstellung Tatort Stadion 2 will informieren – sowohl über alltägliche Diskriminierung und Aktivitäten von Neonazis als auch darüber, was Fans dagegen tun. …..