„Die Gefahr ist nie vorüber“

Maz vom 08.05.2013

20 Jahre sind seit dem Anschlag auf den Marokkaner Belaid Baylal in Bad Belzig vergangen / Neue Angst vor Fremdenhass

BAD BELZIG – Es sollte ein entspannter Abend werden mit Freunden – doch es war der Beginn eines tödlichen Martyriums. Am 8. Mai 1993 wollte der gebürtige Marokkaner Belaid Baylal mit vier anderen Bewohnern des Belziger Asylbewerberheims ein Bier trinken gehen in einer Gaststätte in der Brücker Landstraße. Doch die fünf Männer wurden jäh aus ihren Gesprächen gerissen. Gegen 23 Uhr betraten zwei Skinheads die Kneipe und begannen zu pöbeln. Aus Worten wurden Schläge.

Am Ende lag Belaid Baylal schwer verletzt am Boden. Ärzte retteten mit einer Operation im Belziger Krankenhaus sein Leben. Von den Folgen des Angriffs konnte sich der Marokkaner jedoch nie wieder erholen. Er starb am 4. November 2000 an den Spätfolgen des brutalen Überfalls. Baylal wurde 42 Jahre alt.

Der Angriff ereignete sich heute vor 20 Jahren. Ein Gedenkstein in der Lübnitzer Straße erinnert seit November 2003 an die Tat in jener Mainacht und an den jungen Mann, der sterben musste, weil Mitmenschen seine Hautfarbe nicht passte.

Was hat sich geändert seit damals in Bad Belzig? Sind die Menschen toleranter geworden? Oder müssen Flüchtlinge noch immer Angst vor Überfällen haben? Die Meinungen darüber gehen auseinander.

„Es gibt wieder eine neue Form des Fremdenhasses“, sagt Ramona Stucki vom Info-Café „Der Winkel“. Sie warnt vor aufkeimendem, unterschwelligem Rassismus in der Stadt. „Immer wieder kommt es vor, dass Flüchtlinge zu mir kommen, und darüber klagen, mit dummen Bemerkungen konfrontiert zu werden“, berichtet sie. „Einige haben Angst.“ Das Info-Café ist eine Anlaufstelle für die in der Kurstadt lebenden Ausländer. Betreiber ist der Verein Belziger Forum. Mutige Bürger hatten ihn nach dem Angriff auf Belaid Baylal gegründet.

„Wir wollten damit ein Zeichen setzen“, erklärt Altbürgermeister Peter Kiep. „Die Belziger haben den Tätern gezeigt, dass Rassismus nicht gewollt ist in dieser Stadt.“ Peter Kiep war damals als Verwaltungschef Mitinitiator des Gremiums. Kritik übt er auch heute noch am mangelnden Nachrichtenfluss aus den Behörden. „Man hat mich als Bürgermeister gar nicht darüber informiert“, sagt Kiep. „Polizei und Justiz haben sich bedeckt gehalten.“ Erst Jahre später habe er von dem rassistisch motivierten Überfall erfahren. „Selbst der Verfassungsschutz hat Belzig in seinem Bericht nicht erwähnt“, sagt Kiep.

Heute ist Bad Belzig für Peter Kiep eine Stadt, in der die hier lebenden Flüchtlinge akzeptiert sind als Mitmenschen, wie er sagt. „Viele Zuwanderer haben sich integriert, sind Mitglied in Sportvereinen geworden.“ Integration statt Abgrenzung sei zu beobachten. Einen latenten Rassismus gibt es nach Einschätzung von Peter Kiep in ganz Deutschland. „Das hat meiner Meinung nach mit der zunehmenden Armut zu tun.“

Bürgermeisterin Hannelore Klabunde (parteilos) sieht im Belziger Forum „ein hervorragendes Beispiel für Bürgerengagement gegen rechtsradikale Tendenzen und Rassismus“. Die Arbeit des Forums zu unterstützen, „ist mir ein wesentliches Anliegen“. Der Verein stehe „jederzeit bereit, rechtsradikalen Tendenzen aktiv entgegenzuwirken“.

Nach Meinung der Vorsitzenden des Ortsverbandes der Linken, Gisela Nagel, hat sich die Situation „verbessert, weil die Menschen hellhöriger geworden sind“. Das Belziger Forum habe viel dazu beigetragen. Entwarnung mag sie trotzdem nicht geben. „Die Gefahr ist nie vorüber“, sagt Gisela Nagel. Umso wichtiger sei es für sie, das Gedenken an Belaid Baylal aufrecht zu erhalten.

In der Vergangenheit hatten Unbekannte mehrmals die Geschäftsstelle des Kreisverbandes der Linken am Busbahnhof angegriffen, die Scheiben eingeworfen und rechte Parolen an die Hauswand geschmiert. Gleiches geschah am Info-Café (die MAZ berichtete). Die Täter wurden bis heute nicht gefasst. Ebenso die Unbekannten, die im November 2010 eine Kenianerin vor dem Bad Belziger Seecafé geschlagen haben sollen. Der Staatsschutz hatte keinen Verdächtigen ermitteln können.

Die Polizei sieht dennoch keinen Grund zur Sorge. „Eine besonders aktive rechte Szene gibt es unserer Erkenntnis zufolge in Bad Belzig nicht“, erklärte der Chef der auch für den Fläming zuständigen Inspektion Brandenburg an der Havel, Mathias Tänzer. Anhänger des Neonazi-Milieus seien den Beamten bekannt und hielten sich bedeckt, so Tänzer. „Gewalttaten sind insgesamt zurückgegangen“, sagte er. „Die Gesellschaft verändert sich.“

Der Täter Dirk L. (22 Jahre) wurde vom Amtsgericht Brandenburg an der Havel zu einer 15-monatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Sein Komplize Mario K. (17 Jahre) musste 15 Arbeitsstunden und eine Geldbuße von 300 D-Mark entrichten. Der Richter sah einen rassistischen Hintergrund für die Tat als erwiesen an.