Archiv für Januar 2013

Brandstiftung in Beelitz

Der alltägliche Nazi

ND vom 03.01.2013

Der Stadtforscher Thomas Bürk verfasste eine Studie über zwei brandenburgische Kleinstädte


»Gefahrenzone, Angstraum, Feindesland« – so heißt ein unlängst erschienenes Buch des Stadtforschers Thomas Bürk. Es untersucht Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in ostdeutschen Kleinstädten.

Wenn über Rechtsextremismus gesprochen wird, dominiert oft das Spektakuläre die Perspektive. Auch die Debatte um die Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« wird oft stärker über das Versagen von Sicherheitsbehörden geführt als über die kulturelle Basis, auf der die Rechtsterroristen agieren konnten. Doch gerade der Blick auf die »rechtsextreme Normalität« ist von größter Wichtigkeit.

Der Berliner Stadtforscher Thomas Bürk hat über einen längeren Zeitraum die beiden brandenburgischen Städte Wittstock (im Buch als »Wittingen« bezeichnet) und Belzig (»Belsheim«) besucht und seine Ergebnisse im Werk »Gefahrenzone, Angstraum, Feindesland« zusammengetragen. In beiden Kommunen ist es seit den 1990er Jahren zu rechtsextremistischen Übergriffen mit teilweise tödlichem Ausgang gekommen, die Städte sind jedoch eher sozialräumliche Beispiele als Hochburgen der Rechten. Bei der Bundestagswahl 2009 lag dort der Stimmenanteil der NPD nur geringfügig über dem brandenburgischen Landesschnitt. »Es geht mir nicht um das Vorführen einzelner Städte, sondern um die Darstellung lokaler Praktiken«, kündigt der Autor zu Beginn seiner 383 Seiten starken Untersuchung an.

Bürk hat mit Politikern, Bürgern, ehrenamtlich und professionell gegen Rechtsextremismus Engagierten gesprochen. Er betrachtet in seinen »stadtkulturellen Erkundungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in ostdeutschen Kleinstädten« die »Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit«, mit der rechtes Gedankengut präsent ist. Unter einer stadträumlichen Perspektive untersucht er, wie im einstigen Textilzentrum Wittstock und dem inzwischen als Kurort wiederbelebten (Bad) Belzig die Veränderungen seit dem Ende der DDR verarbeitet worden sind. Beide Kleinstädte mit ihren 10 000 bis 15 000 Einwohnern sind Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft »Städte mit historischen Stadtkernen«, die Musealisierungsstrategie hat eine gravierende Abwanderung aus den beiden »schrumpfenden Städten« nicht verhindern können.

»Unter der rekonstruierten Oberfläche einer pittoresken mittelalterlichen Ackerbürgerstadt und späteren Industriestadt sind die sozialen Verwerfungen und emotionalen Spannungen einer Stadtkultur der Fremdenfeindlichkeit schnell zu spüren«, schreibt Bürk über Wittstock, wo sich »ein differenziertes Netz rechtsradikaler BürgerInnen unterschiedlichen Alters etabliert« habe. Es sei »ein Verdienst der lokalen Zivilgesellschaft mit ihren Initiativen«, dass dem kulturellen Hegemoniestreben der Rechten mittlerweile entgegen getreten werde.

Bürk warnt davor, Rechtsex-tremismus als quasi normale Abweichung aufgrund persönlicher Enttäuschung über die eigene soziale Lage zu betrachten: »Den Ideologien und politischen Philosophien der radikalen Rechten kann und muss als politisches Projekt entgegen getreten werden.« Sein Rezept ist die Stärkung kultureller Differenz bei sozialer Gleichheit in »selbstbewusst demokratisch orientierten Stadtkulturen«. Für Bad Belzig, wo aufgrund der »Stärkung der regionalen Perspektive« jenseits der lange gehegten Hoffnung auf Ansiedlung von Großunternehmen »alternative Stadtentwicklungsperspektiven möglich« seien, ist er dabei optimistischer als für Wittstock.

Thomas Bürk: Gefahrenzonen, Angstraum, Feindesland. Stadtkulturelle Erkundungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in ostdeutschen Kleinstädten, Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster 2012. 383 Seiten, 34,90 Euro