Archiv für September 2012

Wanderausstellung zu Antisemitismus in der DDR gestern eröffnet

Maz vom 08.09.2012

Brisantes Thema

BAD BELZIG – „Gegen das Verdrängen muss das Erinnern gesetzt werden“, sagt Wolf Thieme. Er spricht vom Antisemitismus in der DDR, den es in den Köpfen der Menschen hierzulande nie gegeben haben soll. Deshalb, so Thieme, habe er die Wanderausstellung „Das hat’s bei uns nicht gegeben – Antisemitismus in der DDR“ nach Bad Belzig geholt. Gestern wurde sie im Foyer der Stein-Therme eröffnet.

Thieme will als Initiator den Menschen die Augen öffnen, sie sensibilisieren für die Judenfeindlichkeit, die es in der DDR durchaus gab. Parolen, Schmierereien und Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen sind auf den 30 Schautafeln der Ausstellung dokumentiert. „Diese Sachen haben es aber nicht in die Zeitung oder ins Fernsehen geschafft. Was da nicht stand, das hat es auch nicht gegeben“, sagt der Journalist im Ruhestand, der heute in Werbig lebt. „Auch die DDR war kein Paradies, Fremdenhass, verkappte Nazis und Antisemitismus haben existiert.“

Vor zwei Jahren hat Thieme die Ausstellung, deren Träger die Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung ist (siehe Info), selbst zum ersten Mal gesehen. Sofort habe er die Idee gehabt, sie einmal nach Bad Belzig zu holen. „Weil es bis heute einen latenten Antisemitismus gibt“, sagt er und verweist auf Medienberichte der letzten Tage und Wochen, die unter anderem von Pöbeleien gegen jüdische Schülerinnen in Berlin berichten. „Ich halte das für eine Seuche, die in Deutschland noch immer grassiert und gegen die man was unternehmen muss“, so Thieme. Keineswegs gehe es ihm um die Bekämpfung eines positiven DDR-Bildes oder darum, die DDR-Bevölkerung unter Pauschalverdacht zu stellen. Aber er wolle deutlich machen, dass aus der Erinnerung an die eigene antifaschistische Erziehung keine Allgemeingültigkeit abgeleitet werden kann. „Dass Antisemitismus kein Thema in der eigenen Familie war, heißt nicht, dass es in anderen Familien genauso war“, sagt der Initiator der Schau in Bad Belzig. Die Ausstellung, an der 76 ostdeutsche Jugendliche mitgearbeitet haben, soll ein Anfang sein, zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anregen.

Auch die Geschichte des Flämings ist nicht frei von Antisemitismus. Seit Januar dieses Jahres erinnert in Reetz ein „Stolperstein“ an den 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten Israel Rabinowitsch, der als Kriegsgefangener über die Lausitz in den Fläming kam. Er musste aufgrund seiner jüdischen Abstammung sterben.

Thieme hofft, dass vor allem Schulklassen das kostenlose Angebot wahrnehmen und sich die Ausstellung ansehen. Dafür hat er sich sehr engagiert. Der Weg bis zur gestrigen Eröffnung war lang. Zwei Jahre vergingen seit der Idee. Der Grund dafür sei vor allem die Raumfrage gewesen. „Ich bin damals an die Stadt herangetreten, aber es hat sich kein Raum gefunden, in dem die Ausstellung gezeigt werden konnte“, so Thieme. Erst eine Anfrage bei der Bad Belziger SPD habe Früchte getragen. So sei der Kontakt zur Stein-Therme zustande gekommen, um die Ausstellung im Foyer zu zeigen. So könne man nun Menschen erreichen, die nicht gezielt die Ausstellung angesteuert haben, so Thieme.

Minister Günter Baaske (SPD) lobte gestern Nachmittag die Ausstellung als Mittel gegen eine Verklärung der DDR-Zeit. „Es war nicht alles gut“, sagt der Wahlkreisabgeordnete im Landtag Brandenburg. Die Schau trage dazu bei, Vergessenes wach zu rufen. Bad Belzigs Bürgermeisterin Hannelore Klabunde (parteilos) hofft, „dass viele Schüler die Ausstellung nutzen, um sich ein Bild vom realen Leben in der DDR zu machen“. Bis zur Lektüre des Begleitbuches zur Ausstellung habe sie nicht geglaubt, dass es in der DDR Antisemitismus gegeben hat, bekannte Klabunde gestern. So erging es auch Hendrik Hänig, dem Ortsvorsitzenden der SPD. Der aktuelle Übergriff auf einen Rabiner in Berlin zeige, dass dieses Thema „leider noch immer sehr aktuell ist“.