Archiv für Dezember 2011

Zwangsarbeit in Belzig

Dokumentationen über ein Außenlager von Ravensbrück
VVN-BdA

Vor neun Jahren legte der Ortschronist und Ehrenbürger der Stadt Belzig, Gerhard Dorbritz, das Ergebnis seiner langjährigen Forschungen in der Broschüre »Schicksale. Dokumentation über das Zwangsarbeiterlager Roederhof« vor. Es war die erste zusammenhängende Darstellung über die Ausbeutung und die Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die für das Rüstungswerk Roederhof der Metallwarenfabrik Treuenbrietzen des Kopp & Co. Konzerns schuften mussten. Nun erschien unter seiner Herausgeberschaft Teil 2 der »Schicksale«.

In Interviewmitschriften berichten Überlebende aus Frankreich, Italien und Belgien darüber, aus welchen Gründen und unter welchen Vorwänden und Umständen sie in ihren Heimatorten verhaftet wurden und, wie sie nach Deutschland u.a. in das Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück deportiert wurden. Sie schildern die Bedingungen ihres Arbeitseinsatzes und ihr elendes Dasein im Zwangsarbeiter- und KZ-Außenlager Belzig.

Louis, der Sohn von Andrée Grazélie, befragte im Jahre 2000 seine Mutter, die zu den 75 Französinnen gehörte, die als KZ-Häftlinge nach Belzig kamen. 2004 besichtigte er gemeinsam mit weiteren Familienangehörigen den Ort ihrer Qualen. Die Übersetzung des Textes der Befragung Lucienne Metzelers, eine von 140 belgischen KZ-Gefangenen, übernahmen unter Anleitung der Lehrerin Britta Freidank Schüler des Fläming-Gymnasiums Belzig. Die damals 16jährige Lucienne war 1943 wegen ihrer Tätigkeit in einer Widerstandsgruppe verhaftet worden, kam über Ravensbrück nach Belzig. Während der schweren Arbeit in der Munitionsfabrik erlitt sie einen tragischen Unfall, spürte danach die Solidarität von Mithäftlingen, aber auch die Brutalität der SS-Aufseherinnen. Sie war ebenfalls noch einmal in den Grünen Grund zurückgekehrt, an den Ort, wo seit 1965 ein Gedenkstein an die toten Kameradinnen erinnert und jährlich am 3. Mai der kampflosen Übergabe der Stadt Belzig an die Rote Armee 1945 und der Befreiung aller Zwangsarbeiter gedacht wird. 2010 waren 200 in- und ausländische Gäste dorthin gekommen.

Mit ihrer Dokumentation der Leidenswege der Opfer von Faschismus und Krieg verbinden Gerhard Dorbritz und die anderen beteiligten Autoren den Wunsch, dass sich die Angehörigen der nachfolgenden Generationen zu ihrem eigenen Nutzen erinnern mögen. Beeindruckend liest sich die Auflistung der Initiativen, die während der letzten Jahre in dieser Absicht unternommen wurden. 2003 gründete sich der »Förderkreis Roederhof Belzig«, der u.a. die Beziehung zu den Nachfahren der hierher Verschleppten pflegt und junge Menschen in sein Anliegen einbezieht. Auch davon zeugt die Veröffentlichung. In ihr wird die Biografie der Italienerin Sonia Libera Metlica vorgestellt, ehemals Häftling des KZ-Außenlagers Belzig. Sie, die 82jährige, beantwortete im Mai diesen Jahres Fragen von Schülern der Krause-Tschetschog-Oberschule in Bad Belzig. Weitere Beiträge, z.B. die von Kerstin Henseke beschreiben die gegenwärtige Erinnerungskultur, u.a. das Theaterstück »Das rote Tuch«, das 2008 und 2009 mit der Regisseurin Julia Strehler und Laienschauspielerinnen der Region im Volkstheater Niemegk aufgeführt wurde. Das Schicksal der belgischen KZ-Gefangenen Marie del Marmol diente ihr dabei als Vorlage für den Bühnenstoff.

Gerhard Dorbritz: »Schicksale – Teil 2«. Erinnerungen und Dokumente über das Lager Roederhof in Belzig, Außenlager von Ravensbrück, Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager Grüner Grund, Treibgut Verlag 2010, 120 Seiten, 7,50 Euro.

Von den schweren Bemühungen, die rechtsextreme Gefahr zu erkennen

Maz vom 8.12.2011

POLITIK: Vor Ort ohne Wirkung

NIEMEGK – Zuweilen soll eine schwarze Fahne mit weißem Pflug und rotem Schwert über dem von den Brüdern E. bewohnten Gehöft in Grabow geweht haben. Doch wer ihre Nachbarn sind, ist den etwa 100 Dorfbewohnern wohl erst richtig bewusst geworden, als Andre E. am Morgen des 24. November spektakulär festgenommen worden ist. Der 32-Jährige soll den terrorverdächtigen „Nationalsozialistischen Untergrund“ unterstützt haben (die MAZ berichtete).

In der Mark galt seinem Bruder das Augenmerk. „Mike E. ist dem Verfassungsschutz als aktiver und entsprechend vernetzter Angehöriger der Neonazi-Szene bekannt“, bestätigt Geert Piorkowski. Insofern sei er seit seinem Zuzug 2005 unter Beobachtung gewesen. Die Polizei habe gegen ihn wegen einschlägiger Straftaten ermittelt und vor Ort schon Durchsuchungen durchgeführt, erklärt der Sprecher des Innenministeriums auf Nachfrage.

Durch die Lektüre des Verfassungsschutzberichtes 2010 war Thomas Hemmerling darüber schon vor dem GSG 9-Einsatz im Bilde. Einzelheiten waren ihm jedoch weder zu den Erkenntnissen über Mike E. noch zur Verhaftung von Andre E. mitgeteilt worden. Wie der Niemegker Amtsdirektor einschätzt, gibt es in den fünf zugehörigen Kommunen keine weiteren rechts – mithin links oder religiös – orientierten Extremisten. Indes sei es schwierig, dies überhaupt festzustellen, räumt er ein. Die auf lokaler Ebene angesiedelten Meldebehörden seien jedenfalls nicht zu Ermittlungen befugt. Gleichwohl wären Verwaltung und Politik sensibilisiert, ihr Bekenntnis zur Demokratie und Ächtung von Gewalt selbstverständlich. Über eine Veranstaltungsgenehmigung, die ebenfalls regelmäßig Rathäuser berührt, hatte der Verwaltungschef seit Dienstbeginn 2009 noch nicht zu befinden.

Unlängst berichtete die Wiesenburger Bürgermeisterin Barbara Klembt (Die Linke), dass sie eine sogenannte Reichsbürgerin, die sich in der „Flämingperle“ niedergelassen hatte, nicht einmal anschreiben konnte. Dieses Klientel, das ebenfalls der rechten Szene zugerechnet wird, lehnt nämlich die Bundesrepublik samt ihres Pass- und Meldewesens ab.

Vor der Gefahr, dass sich Rechtsextreme auf dem Lande in strukturschwachen Regionen niederlassen, wird regelmäßig gewarnt. Doch ist es schwierig, sie auszumachen. „Wenn ein Interessent solche Pläne offenbart, würde ich den Grundstücksverkäufer darüber in Kenntnis setzen“, sagt Haldor Kahmann. Doch bislang ist dem Immobilienfachmann in Bad Belzig und Umgebung noch kein Bestreben dieser Art bekannt geworden.

Was Mike E. betrifft, so „hält er sich für etwas Besonderes.“ Deshalb interessiere er sich nicht für die lokale Szene im Hohen Fläming, lautet die Erkenntnis der Behörden. Auch eine Erklärung, warum er bislang dem hiesigen Umfeld nicht so aufgefallen ist. (Von René Gaffron)